Impact Measurement und Valuation

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Die durch Nachhaltigkeitsberichte zur Verfügung gestellten Daten bilden die Basis für ESG-Ratings und -Rankings. Dieser Bereich steht allerdings vor einigen Herausforderungen, wie z. B. dem Fehlen einheitlicher Rating- und Berichtskriterien, der geringen Datenqualität aufgrund der unzureichenden Verfügbarkeit und Granularität von Informationen, der mangelnden Klarheit beim Benchmarking und vielem mehr. Ein besonders wichtiges Problem ist dabei die Divergenz der ESG-Ratings („ESG Divergence“): Unternehmen können von verschiedenen Ratinganbietern drastisch unterschiedliche Bewertungen erhalten, was Vergleiche erschwert und Fragen nach der Validität dieser Bewertungen aufwirft.19

Vor dem Hintergrund dieser Fragen zur Messung der Nachhaltigkeit wächst in den letzten Jahren das Interesse an der monetären Bewertung von Nachhaltigkeitsauswirkungen (Impact Measurement & Valuation). Bei der Impact Valuation geht es darum, Nachhaltigkeitsauswirkungen in monetäre Zahlen zu übersetzen, um ein vergleichbares Bild von den ökologischen Auswirkungen eines Unternehmens zu erhalten.

In unserer Befragung haben wir uns dafür interessiert zu verstehen, wie intensiv sich die Unternehmen mit diesem neuen Thema bereits auseinandersetzen.

Hierzu haben wir die Unternehmen aus Real- und Finanzwirtschaft gefragt: „Wie intensiv hat sich Ihr Unternehmen bereits mit dem Thema Impact Measurement & Valuation (IMV) auseinandergesetzt?“ Der größte Teil der Unternehmen der Realwirtschaft hat sich entweder noch „überhaupt nicht“ (44,4 Prozent) oder „eher nicht“ (19,1 Prozent) mit dem Thema beschäftigt (siehe Abbildung 43). 8 Prozent geben allerdings an, sich bereits sehr intensiv mit diesen Themen auseinandergesetzt zu haben. In der Finanzwirtschaft zeigt sich eine etwas andere Verteilung der Antworten. Hier ist die größte Häufigkeit der Antworten bei „teilweise“ zu finden. Etwa gleich viele Unternehmen der Finanzwirtschaft haben sich entweder noch „überhaupt nicht“ mit dem Thema beschäftigt (21,2 Prozent) oder sich mit diesem bereits „sehr intensiv“ auseinandergesetzt (19,2 Prozent).

Dies deutet darauf hin, dass sich in der Finanzwirtschaft in der Breite bereits mehr Organisationen mit der monetären Bewertung von Nachhaltigkeit beschäftigen als in der Realwirtschaft. Im Vergleich zum Vorjahr (nicht in Abbildung 43 gezeigt) lässt sich zudem feststellen, dass das Thema allgemein leicht an Bedeutung gewonnen hat. So steigt der Anteil derjenigen Unternehmen, die sich mit dem Thema zumindest „teilweise“ beschäftigt haben, um rund 10 Prozent. Wir haben zudem gefragt, wie relevant das Thema Impact Measurement & Valuation in den Augen der Befragten in der Zukunft sein wird. Hier sind sich die beiden Welten einig. Befragte aus Real- und Finanzwirtschaft schätzen das Thema als zukünftig sehr relevant ein. In der Realwirtschaft schätzen 73,8 Prozent der Befragten das Thema als „eher relevant“ oder „sehr relevant“ ein, in der Finanzwirtschaft sind es sogar 83,3 Prozent.

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Exkurs zum Thema Impact Measurement & Valuation

Prof. Dr.
Laura Edinger-Schons

Professorin für nachhaltiges Wirtschaften an der Universität Hamburg und Chief Sustainability Officer

Prof. Dr.
Judith Ströhle

Assistenzprofessorin für Sustainability Governance;
Universität St. Gallen

Prof. Dr.
Ali Gümüsay

Professor für Innovation, Entrepreneurship und Nachhaltigkeit, Ludwig-Maximilian-Universität München

Akteure im Bereich der Wirkungsbewertung verwenden häufig Wirkungspfadmodelle („Impact Pathways Models“), um die Inputs, Outputs, Outcomes und Impacts (IOOI-Modell) der Handlungen eines Unternehmens zu konzeptualisieren, wobei mit Impacts die Auswirkungen des unternehmerischen Handels gemeint sind. Die vorhandenen ESG-Daten konzentrieren sich jedoch in der Regel auf Daten auf der Outputebene und lassen die tatsächlichen Ergebnisse und Auswirkungen der Unternehmenstätigkeit außer Acht. Daher schlagen viele Wissenschaftler: innen und Akteure aus Praxis und Politik vor, dass es einen Bedarf an einer besseren Wirkungsmessung mit wissenschaftlichen Methoden gibt. Es gibt jedoch auch zunehmend Kritik an einigen Initiativen, die eine ungeprüfte Umrechnung aller Nachhaltigkeitsauswirkungen in Geldeinheiten für den richtigen Weg halten.

Die derzeitige Praxis der Impact Valuation geht dabei oft über die Umweltdimension hinaus und erstreckt sich auch auf soziale Auswirkungen. Dieser Versuch, Nachhaltigkeitswirkungen verständlicher zu machen, stammt ursprünglich aus dem Non-Profit- und Social-Business- Bereich. Sozialunternehmen wie Social Bee zielen beispielsweise darauf ab, Geflüchtete in den Arbeitsmarkt zu integrieren und gleichzeitig ihre gesellschaftliche Wirkung transparent zu messen. Ihr Ansatz besteht darin, sowohl den Output (d. h. alle Aktivitäten, die zur Vermittlung von Geflüchtete beitragen) als auch die Outcomes (z. B. die Anzahl der in den Arbeitsmarkt integrierten Geflüchteten sowie Steigerung der Übernahmequoten) und Impacts (z. B. soziale Integration der Geflüchteten, Abbau von Stereotypen) zu quantifizieren.20 Gewissen Teilen der daraus entstehenden gesellschaftlichen Wirkungen können anschließend auch monetäre Werte zugeordnet werden (Impact Valuation), beispielsweise, wie viel Steuergelder durch die erfolgreiche Integration von Geflüchteten eingespart werden. Dies bildet die Grundlage für innovative Finanzierungsmodelle wie Impact Bonds und Impact Investing.

In jüngerer Zeit haben auch multinationale Unternehmen damit begonnen, solche Methoden zur Bewertung von Impacts anzuwenden. Die Value Balancing Alliance (VBA) beispielsweise, der über 20 große Unternehmen angehören, konzentriert sich auf die Entwicklung von Methoden, auf Peer Learning und auf das Eintreten für eine Standardisierung der Wirkungsbewertung.

Diese Unternehmen verwenden ebenfalls das IOOI-Modell zur Darstellung der Wirkungslogik ihres Geschäftsmodells.21 Der Teil der Impact Valuation (d. h. die Monetarisierung von Wirkung als letzter Schritt des IOOIModells) bringt für Unternehmen und Gesellschaft sowohl Chancen als auch potenzielle Risiken mit sich. Zu den Chancen werden im öffentlichen Diskurs unter anderem die folgenden gezählt:

  • Übersetzung der Nachhaltigkeitsauswirkungen in die Sprache der Wirtschaft: Die Impact Valuation übersetzt die Nachhaltigkeitsauswirkungen in die Sprache der Wirtschaft, macht sie verständlich und erleichtert eine darauf basierende Entscheidungsfindung.
  • Verbesserte Vergleichbarkeit: Unterschiedliche Nachhaltigkeitsauswirkungen können mit der gleichen Währung verglichen werden, was eine bessere Bewertung und Priorisierung ermöglicht.
  • Potenzial zur Veränderung der Unternehmenssteuerung: Indem sie den Auswirkungen einen monetären Wert zuweisen, können Unternehmen den wirtschaftlichen Wert, den sie in sozialen und ökologischen Bereichen schaffen, besser managen und nachweisen.
  • Beteiligung und Legitimität: Die derzeitige Methodenentwicklung findet in einer geschlossenen Gruppe von Expert:innen aus dem globalen Norden bzw. den westlichen Ländern statt und lässt die Beteiligung anderer Stakeholdergruppen bislang noch nicht erkennen.
  • Ethische Bedenken: Die Zuweisung monetärer Werte für soziale Auswirkungen (wie z. B. Menschenleben oder Kinderarbeit) kann soziale und ökologische Fragen zu einer Ware machen, was zu ethischen Problemen führen kann.

Um die Komplexität der Bewertung von Auswirkungen zu bewältigen und eine breite Akzeptanz für IMV-Ansätze zu erreichen, ist aktuell eine Reihe von Vorschlägen zu weiteren Entwicklung von Impact Measurement & Valuation in der Diskussion:

  • Disaggregation der Daten: Bereitstellung aufgeschlüsselter Daten, um die Transparenz zu wahren und die zugrunde liegende Komplexität sichtbar zu machen.
  • Rigorose Methodenentwicklung: Methoden, die einem wissenschaftlichen Peer-Review unterzogen werden, sind unerlässlich, um die Zuverlässigkeit und Genauigkeit der Methoden zu gewährleisten.
  • Prinzipien offener Wissenschaft („Open Science“): offene Wissenschaft, um die Transparenz und Verantwortlichkeit bei der Entwicklung von Methoden zu verbessern.
  • Einbeziehung von weiteren Stakeholdergruppen: Um die Legitimität und Vielfalt bei der Entwicklung von Methoden zu gewährleisten, ist eine umfassende und kontinuierliche Einbindung aller relevanten Stakeholder erforderlich.
  • Vermeiden einer verfrühten Standardisierung: Verzögern einer Standardisierung spezifischer Methoden und Ermöglichen eines dezentralen Experimentierens.
  • Ethische Überlegungen: Ausschluss bestimmter Themen von der Impact Valuation, um eine ethisch problematische Monetarisierung zu verhindern.
  • Verwendungszweck: Klärung des Verwendungszweckes von Wirkungskennzahlen und Unterscheidung zwischen interner Steuerung und externer Kommunikation.

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